Was ist normal? Konstruktion von Normalität

Mit meinem Beitrag möchte ich für die Mechanismen sensibilisieren, die dafür verantwortlich sind, dass es zu einem Eindruck von „das ist normal“ kommt. Menschen, die in ihrem Verhalten oder auch  in ihrem Aussehen von dem jeweils als normal definierten Maß abweichen, erfahren nachweislich Benachteiligungen. Dynamiken, die zu verändertem Anerkennungsverhalten führen, sind über Bekenntnisse normabweichender Verhaltensweisen unter anderem als „Coming-Out-Geständnisse“ wichtig. Das Ganze ist komplex und vom jeweiligen Standpunkt und der jeweiligen Gruppennorm abhängig. 

Ziel ist es, mit dem Wissen um die Wichtigkeit individueller und kollektiver Konstruktion von Normalität sowie mit dem Wissen um Anerkennungspraxen, ihrer Machtmechanismen – aber auch ihrer Chancen – selbstbewusster für uns selbst einzutreten. 

Inhaltlich werde ich ganz kurz die zentralen Eckpunkte der Entwicklung der Wahrnehmung darstellen, um dann zu zeigen, wie Abwehr und Ausgrenzung von „nicht Normalem“ zustande kommen. Wenn dadurch klar wird, dass Normen, Werte und Konventionen also nicht einfach vorhanden, sondern interaktiv entstanden sind – und häufig  auch über Generationen hinweg  transportiert werden – dann eröffnet sich damit aber auch ein Weg, sie zu ändern. 

Die Erfahrungswirklichkeit, die Welt in der wir Menschen leben, ist so komplex und vielgestaltig, dass wir uns in ihr nur orientieren können, indem wir alles Wahrgenommene mit Hilfe von Kategorien und Begriffen ordnen. Dieses Ordnen geschieht über Zuordnung und Vereinfachung bzw. Verallgemeinerung. Damit wir verallgemeinern können, müssen wir vom Besonderen absehen können. Abstraktion scheint ein Phänomen der Neuzeit zu sein. Spätestens mit Descartes wurde der Mensch zum erkennenden Subjekt und das menschliche Sein mit ‚Denken‘ gleichgesetzt. Das führte dahin, dass die unübersichtliche Vielheit der Menschen beherrschbar wurde durch die Annahme, es gäbe mit Hilfe der denkenden Wahrnehmung eine Wahrheit, die für alle Menschen  gleichermaßen verbindlich ist. Diese Abstraktion ist zugleich eine Reduktion auf eine vergleichbare Eigenschaft aller Menschen. Die Abstraktion verhilft gewissermaßen dazu, Phänomene als „gedacht“ aufzunehmen und eine „Gleichmachung der Dinge“ vorzunehmen, um ihre Komplexität zu reduzieren.  

Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass sich in sozialen Bezügen Normalität als das Allgemeine und das Gewohnte darstellt, in der wiederum alles Abweichende Gefahr läuft, als abnorm zu gelten. Alles, was vom Allgemeinen und Gewohnten abweicht, wird häufig nicht ernstgenommen oder als unmoralisch, neurotisch oder abartig betrachtet und mit Missachtung bzw. Abwertung gestraft. Interessant ist dabei, dass die gesellschaftlichen Praktiken, die Anerkennung erteilen oder verwehren, sehr kontextbezogen sind. Es gibt gesamtgesellschaftliche Übereinkünfte über das, was normal ist – aber auch spezifische „Normalitätsräume“, je nachdem in welcher (Sub-)Kultur ich mich bewege.  Anerkennungsprozesse sind so gestaltet, dass sie auf Gegenseitigkeit und in gewisser Weise auf Gleichartigkeit bzw. auf Vertrauenserweckendem beruhen. Unbekanntes und Unvertrautes verunsichert und wird meist abgewehrt und auch abgewertet. Was uns allen gemeinsam ist, ist das Gefühl, dass Unvertrautes, Nicht-Einschätzbares uns verunsichert. Aber je nachdem, wie groß und einflussreich die Gruppen sind, die das gleiche gemeinsame Vertraute teilen, kommt es zu Missachtung und auch zur Unterdrückung von Personengruppen mit abweichenden Vorstellungen. Daher ist es wichtig, auch aus einer politischen Sicht heraus, die Verunsicherung als spezifische Verletzlichkeit zu begreifen, die uns allen zu eigen ist.                          

Die Diskussion könnte dann in die Richtung laufen: Was können wir tun, um Beziehungsanarchie normaler zu machen? Was hat das alles mit Abwehr und Unsicherheit zu tun? Wie kann ich mein Umfeld überzeugen, dass auch Außergewöhnliches „normal“ sein kann? Oder aber Fragen, die sich damit beschäftigen, wie ich es meinem Umfeld sagen kann, dass ich anders lebe? Wie positioniere ich mich mit meinen Werten und Sichtweisen so, dass ich nicht noch mehr rausfalle, sondern mithelfe, Anerkennungspraxen zu verändern?

 

Simone
Ich bin weiblich sozialisiert und 55 Jahre alt. Mein Lebenslauf ist gekennzeichnet von der Erfahrung, in keine Kategorie so richtig hineinzupassen. Ich bin offensichtlich behindert, aber oftmals befähigter als die durchschnittlich Normalen. Ich bin promovierte Wissenschaftlerin mit einem Gesellenbrief als Gemüsebauerin. Ich hatte mein „Coming-Out“ als Lesbe vor fast 30 Jahren und eckte in der Community dann später damit an, dass ich auch Liebesbeziehungen zu Männern hatte. Und ich lebe als entschiedene Verfechterin der Beziehungsanarchie in einer aktuell eher monogamen Frauenbeziehung.

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