Selbstwert und Identitätserleben in der Auswirkung auf polyamore Lebensführung

Das „Selbst“ ist nicht homogen, sondern komplex und widersprüchlich. Jeder Mensch entwickelt eine Reihe von Selbstkonzepten, die als Folge von Erlerntem (gesellschaftliche Werte, Eltern, subjektive Lerngeschichte, Einflüsse der peer group, sozialer Kontext), traumatischen Erlebnissen und dem frühkindlichen Grundvertrauen (bzw grundlegende Mangelerfahrungen) entstehen.
Schwankungen des Selbstwerts und Unsicherheiten in der Selbstwahrnehmung sind einflussreiche Variablen der Identität, die unsere Sehnsüchte und Entscheidungen in der Liebe mitbestimmen. Die Festlegung auf ein bestimmtes Liebeskonzept als Teil der Identität erfolgt daher aus den Wechselwirkungen dieser Selbstkonzepte, nicht aus bewußten Entscheidungen oder genetischen Gründen.
Der größte Teil der im Bewußtsein auftauchenden Gedanken, Gefühle und Präferenzen wurde zuvor vom Unterbewußtsein aus den erlernten und erfahrenen Konzepten gebildet.
Ich möchte Liebesbegriffe daher weniger biologisch determiniert, sondern in ihrer individuellen psychologischen Dynamik betrachten.
Die Freiheit, diese Konzepte zu verändern und weiterzuentwickeln entsteht aus dem Verständnis für die eigene Lebensgeschichte und der Erkenntnis, dass im Wesentlichen nicht unsere Umwelt, sondern wir uns selbst Grenzen setzen. Denn in unserer aktuellen Gesellschaft könnten die Menschen wesentlich mutigere Liebesentwürfe leben, als es die meisten tun.
Für die Menschen, denen Selbstbestimmung und Selbstverantwortung in der Gestaltung ihrer Liebesbeziehungen langfristig wichtig sind, möchte ich die sozialen Fertigkeiten herausarbeiten, die für diese Lebensführung günstig sind.

 

Nelly
Ich bin 67 Jahre alt. Ich habe 40 Jahre als Psychotherapeutin in den Themen Partnerschaft und Sexualität gearbeitet. Etwa 20 Jahre lang hielt ich regelmäßig Vorträge über die gesellschaftliche Relevanz der scheinbar „privaten“ Themen der Geschlechterrollenerwartungen. Privat war ich immer ein neugieriger und mutiger Mensch, habe einfach alles ausprobiert, was auf meinem Lebensweg interessant erschien. Die Zweierbeziehung und Kleinfamilie zeigte sich nach kurzer Zeit als das, was ich ganz sicher nicht leben wollte.
In jungen Jahren war ich überzeugte Feministin in der autonomen Szene. Später sah ich die Gesellschaft mit weicheren Augen an. Monogam lebe ich seit 40 Jahren nicht mehr, aber ich möchte meinen Lebenstil nicht mit ideologischen Kategorien beschreiben. Mehrere Menschen zu lieben ist für mich kein SOLL oder MÖCHTE, ich kann gar nicht anders… Allerdings werte ich auch erotische Abenteuerlust nicht ab. Mein erotisches Leben ist durch Alter erschwert, aber nicht beendet.