Gleichschenklige Beziehungen – die Gefährlichkeit überhöhter Ideale

In den Polyamorie-Foren wird seit einiger Zeit sehr vehement gegen hierarchische Beziehungsmodelle diskutiert. Die Argumente gegen hierarchische Strukturen sind berechtigt, führen aber bei vielen Polys zu einem übersteigerten Ideal exakt gleichartiger Beziehungen, dem in der Realität kaum jemand gerecht werden kann.

Der Anspruch, dass alle Beziehungen, die ein Mensch gleichzeitig führt, immer absolut gleichwertig sein müssen, ist unrealistisch – die verschiedenen Zustände aller Beteiligter und diverse Umweltfaktoren führen unweigerlich zu Ungleichheiten. Auch im Verlauf von Beziehungen entstehen und verändern sich Ungleichheiten, denn eine Gruppe kann sich nicht gleichförmig bewegen.

Eine pragmatische Sicht auf Ungleichheiten in Beziehungen hat viele Vorteile: Sie lässt Ehrlichkeit zu, fördert bedürfnisorientiertes Handeln („Was tut mir / uns jetzt gerade gut?“) und kann helfen, den unvermeidlichen Wandel, der sich mit der Zeit in allen Beziehungen vollzieht, zu akzeptieren – auch wenn er schmerzhaft ist, und nicht dem gewünschten Sicherheitsbedürfnis entspricht.

Der Zwang, alles Unperfekte abzulehnen, führt dagegen zu großer Unzufriedenheit, Niedergeschlagenheit und oft auch zu unberechtigten Schuldzuweisungen an Partner.

Durch das Akzeptieren der eigenen Schwächen und Ängste eröffnet sich ein Handlungsspielraum, sich das (Beziehungs-)Leben aktiv schöner zu gestalten, ohne sich von moralischen Idealvorstellungen ausbremsen zu lassen und sich durch übermäßige Selbstkritik an realen Verbesserungen zu hindern.

Die Angst verglichen und schlechter bewertet zu werden kann dazu führen, dass man kein Vertrauen in eine Beziehung hat – man zweifelt daran, geliebt zu werden, wenn man nicht im Mittelpunkt des Lebens des anderen steht. Die Rolle des „Gastes“ in einer anderen Beziehung kann aber den Lerneffekt bringen, dass Liebe auch Positives bringt, obwohl man nicht die üblichen Vorteile bekommt (soziale Anerkennung der Beziehung, intensiver Bezug zum anderen, Haus, Kinder…). Durch positive Erfahrungen können Ängste abgebaut werden, das Selbstwertgefühl kann sich stabilisieren, denn was wir als Bedrohung wahrnehmen ist subjektiv und erlernt. Vertrauensvolle Polybeziehungen können die Möglichkeit eröffnen, sich außerhalb pornografischer Inszenierung und kleinbürgerlicher Wertvorstellungen auszuprobieren, sich selbst kennenzulernen, seine Grenzen zu erkunden und zu testen – ohne ideologische Besetzung, und ohne sich selbst als Opfer zu inszenieren.

Mein Vortrag ist bewusst nicht geschlechterneutral formuliert, weil ich davon überzeugt bin, dass es für Frauen durch ihren unterprivilegierten Status in unserer Gesellschaft wesentlich schwerer ist als für Männer, miteinander solidarisch statt konkurrierend umzugehen – insbesondere in der Situation einer nicht als bestätigend gewerteten Liebesbeziehung.


Nelly
Ich bin 68 Jahre alt. Ich habe 40 Jahre als Psychotherapeutin in den Themen Partnerschaft und Sexualität gearbeitet. Etwa 20 Jahre lang hielt ich regelmäßig Vorträge über die gesellschaftliche Relevanz der scheinbar „privaten“ Themen der Geschlechterrollenerwartungen. Privat war ich immer ein neugieriger und mutiger Mensch, habe einfach alles ausprobiert, was auf meinem Lebensweg interessant erschien. Die Zweierbeziehung und Kleinfamilie zeigte sich nach kurzer Zeit als das, was ich ganz sicher nicht leben wollte.
In jungen Jahren war ich überzeugte Feministin in der autonomen Szene. Später sah ich die Gesellschaft mit weicheren Augen an. Monogam lebe ich seit 40 Jahren nicht mehr, aber ich möchte meinen Lebenstil nicht mit ideologischen Kategorien beschreiben. Mehrere Menschen zu lieben ist für mich kein SOLL oder MÖCHTE, ich kann gar nicht anders… Allerdings werte ich auch erotische Abenteuerlust nicht ab. Mein erotisches Leben ist durch Alter erschwert, aber nicht beendet.

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