Bi und Poly – „Ich experimentier doch nur“?

Für mich heißt Bisexualität, dass ich mich von Menschen mehr als eines Geschlechts romantisch und sexuell angezogen fühle – nicht unbedingt immerzur selben Zeit, auf dieselbe Art und Weise, oder gleich intensiv¹. Allein diese Anziehung reicht schon, um bisexuell zu sein, aber leider spürte ich früher oft einen Druck, ich müsse Erfahrungen mit mehr als einem Geschlecht machen, um eine „richtige Bisexuelle“ zu sein. Erfahrungen mit Männern zu machen fiel mir als Jugendliche vergleichsweise leicht, mit Frauen war es schwieriger. Es fing an damit, dass ich nicht wusste, welche Frauen in meinem damaligen Umfeld überhaupt auf Frauen stehen könnten. Dann war ich gewohnt, dass das Gegenüber auf mich zugeht, aber musste hier selbst auf jemanden zugehen. Wenn ich mich schließlich traute, wurde ich abgelehnt oder ignoriert, das Gegenüber nahm mich nicht im entferntesten als potentielle Partnerin wahr. Ich versuchte es in der lesbischen Szene, aber passte dort nicht rein, da ich mit Partys nicht viel anfangen konnte, nicht „cool“ war und dann auch noch mit einem Mann zusammen gewesen war.
In sozialen Umfeldern, in denen viele Leute offene oder polyamore Beziehungen führten, wurde es für mich einfacher. Ich traf auf andere bisexuelle Frauen. Sexualität im Allgemeinen und Bisexualität im Besonderen war ein Thema, über das Leute nachdachten und sogar redeten. Wenn eine Person Interesse an einer anderen hatte, konnte es vorkommen, dass eine dritte Person nachhalf, diese zu verkuppeln, sogar und gerade dann, wenn diese dritte Person in einer Beziehung mit einer oder beiden Beteiligten war. Als Frau Erfahrungen mit anderen Frauen zu machen wurde also einfacher. Und doch zeigten sich hier immer noch einige klassische sexistische Rollenbilder – Beziehungen und Sex zwischen Frauen wurden im allgemeinen weniger ernst genommen, was die beteiligten Frauen leider oft verinnerlichten. Wenn in mehrenen Beziehungen die Zeit und Energie knapp wurden, wurden dann doch die anderen Beziehungen priorisiert, Frauen nahmen sich weniger Zeit zu zweit oder redeten in dieser Zeit dann vor allem über ihre anderen Beziehungen, nicht über die Beziehung, die sie miteinander hatten. Bestand zwischen den Frauen keine klar definierte Beziehung, waren auch die gegenseitigen Erwartungen nicht immer klar. Wenn sich die eine verliebte und die andere „nur“ die sexuelle Abwechslung und den Spaß suchte, führte dies zu Enttäuschung, die nicht nur auf einer persönlichen Ebene weh tat, sondern auch im Zusammenhang mit negativen Vorerfahrungen mit Frauen. Es fiel mir nicht immer leicht, mich von den negativen Vorerfahrungen und den sexistischen Rollenbildern freizumachen und Beziehungen so zu führen, wie ich möchte.
Inzwischen ist mein Umfeld bunter geworden. Ich führe Beziehungen mit Nichtbinären, also Menschen, die weder Frau noch Mann sind, und ich kenne lesbisch-queere Umfelder, in die ich reinpasse und in denen ich mich wohlfühle.
Nun frage ich mich: Was für Erfahrungen haben andere Bisexuelle in verschiedenen sozialen Umfeldern, insbesondere in Poly-Communities, gemacht? Wie stehen Nicht-Bisexuelle zum Thema Bisexualität, wie gehen sie damit um, wenn ihre Partner*innen bisexuell sind? Wie stehen wir zum Thema Experimentieren mit Menschen verschiedener Geschlechter, was für Vorstellungen und Wertungen sind damit verknüpft, und finden wir das gut so?

¹ Bi-Definition nach Robyn Ochs http://robynochs.com/bisexual/

 

Theresa ist 27, seit 5 Jahren in offenen Beziehungen und seit 3 Jahren polyamor. Sie outete sich vor 9 Jahren erstmals als bisexuell und ist nun in verschiedenen bisexuellen, queeren, linken, Nerd- und/oder Poly-Communities unterwegs, vor allem in Berlin und im deutschsprachigen Raum.